Der teuflische Barbier aus der Fleet Street zu Gast in Trier

 

Sinister, morbid und makaber geht es derzeit im Walzwerk Trier zu. Dort hat der teuflische Barbier Sweeney Todd sein Lager aufgeschlagen; seitdem pflastern Leichen seinen Weg. Die Besucher des gleichnamigen Musicals, dessen Kompositionen aus der Feder von Stephen Sondheim stammen, erwartet musikalisches Talent auf hohem Niveau. Die Inszenierung selbst hätte jedoch klarer strukturiert sein können.

Trier. Nach 15 Jahren in Verbannung kehrt der vom Leben schwer gezeichnete Barbier Benjamin Barker, der sich nun Sweeney Todd nennt, nach London zurück. Entschlossen auf Rache sinnend gegenüber Richter Turpin, der für all sein qualvolles Leid verantwortlich ist; raubte dieser ihm doch aus reiner Habgier und Wollust Kind und Weib und schickte ihn in die australische Verbannung. In der Pastetenbäckerin Nellie Lovett findet Todd rasch eine (skrupellose und profitorientierte) Partnerin, die ihm bei seinen Racheplänen zur Seite steht. Das ist die Ausgangsbasis des Musicals „Sweeney Todd“.

Das Besondere an dieser Inszenierung, bei der es sich um eine Koproduktion mit dem theater // an der rott in Eggenfelden handelt, ist das Phänomen, dass alle Künstler während des gesamten Stückes sichtbar auf der Bühne zu sehen sind und Orchester sowie Chor ersetzen – wenn sie nicht gerade ihre eigene Rolle verkörpern. So darf sich Mrs. Lovett etwa auf dem Schlagzeug austoben, während Anthony das Saxophon, Johanna die Harfe, Lucy den Kontrabass, Richter Turpin die Violine und Büttel Barnford das Cello bedienen. Das sind musikalische Fähigkeiten auf hohem künstlerischen Niveau.

Musicalstar Carin Filipcic brilliert in ihrer Rolle als Pastetenbäckerin Nellie Lovett. Stimmgewaltig und mit einer großen Portion schwarzen Humors weiß sie restlos zu überzeugen. Sie ist zweifelsohne der Star der Show. Herausragend ist außerdem Thomas Huber in der Rolle des Toby. Sein an Mrs. Lovett gerichteter Liebesschwur „Nichts kann dir geschehen, denn ich bin ja da“ geht zu Herzen. Auch sonst macht es großen Spaß, ihm zuzuschauen und zuzuhören. Anna Veits Interpretation der Bettlerin/Lucy ist fantastisch. Ebenso vollbringen Christopher Ryan (Anthony), Gerhard Karzel (Richter Turpin), Konstantin Riedl (Büttel Barnford) und  Martin Kiener (Pirelli) großartige Leistungen auf der Bühne.

Norman Stehr als Sweeney Todd sieht sehr attraktiv aus, man sieht ihm die 15 zu Unrecht in Verbannung verbrachten Jahre überhaupt nicht an. Leider lässt aber auch Stehrs Schauspiel Todds Leid, Gram und Rachegelüste vermissen. In seiner Mimik sind diese Emotionen nicht wiederzufinden. So wirkt seine Darstellung des teuflischen Barbiers leider nicht authentisch. Nichtssagend, reiz- und ausdruckslos ist bedauerlicherweise Sidonie Smith als Todds Tochter Johanna, was in erster Linie wohl der Eindimensionalität der Rolle zuzuschreiben ist, die Sidonie Smith wenig Raum zur Entfaltung gibt. Der Charakter ist blass und konturlos, und so wundert es wenig, dass die amerikanische Künstlerin ihm kein Leben einzuhauchen vermag.

Während die musikalische Leistung der Darsteller vollauf überzeugt (und dies ist bei einem Musical natürlich essentiell), schwächelt die Trierer Inszenierung leider an anderer Stelle: Schmerzlich vermisst wurde ein schaurig-düsteres Bühnenbild, das den Zuschauer ins London des 19. Jahrhunderts entführt. Stattdessen war die Bühne, abgesehen von den Stühlen und Instrumenten der Künstler, leer. So erschwerte das fehlende Bühnenbild einigen Theaterbesuchern sicherlich, der Handlung des Stückes zu folgen. Für Kenner des Musicals (bzw. der Verfilmung von Tim Burton mit Johnny Depp in der Titelrolle) sollte dies kein Problem dargestellt haben. Der unkundige Zuschauer jedoch dürfte sich verloren gefühlt haben, da klare Szenenübergänge und erkennbare Ortswechsel fehlten. Oftmals war etwa unklar, in welcher Location Todd oder die anderen Charaktere sich gerade befanden: In Mrs. Lovetts Backstube, in Todds Barbiersalon, vor Richter Turpins Anwesen oder auf dem Marktplatz.

Stephen Sondheims Musical ist makaber und durchzogen von pechschwarzem Humor. Erbarmungslos beginnt Sweeney Todd seinen blutigen Rachefeldzug – während Mrs. Lovett dafür sorgt, dass die Leichen verschwinden: fast frisches Fleisch eignet sich schließlich wunderbar für Pasteten – sodass letztlich (neben Toby) nur noch die einzigen beiden Charaktere übrig sind, die keine Schuld und Sünde auf sich geladen haben: Johanna und Anthony. Doch auch ihnen gönnt Regisseur und Intendant Karl M. Sibelius kein Happy End. Dem Zuschauer bleibt einzig der Trost, dass kein Verbrechen – weder Habgier, Machtmissbrauch und Lüge noch Selbstjustiz und Mord – ungesühnt bleibt. Letztlich werden alle Sünder in Londons Höllenschlund hinabgerissen und verschlungen.

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11 Kommentare

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