Edudrame: Lessing auf See

Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren“, schrieb G.E. Lessing. Etwa 250 Jahre später wird er erneut auf die Bühne gebracht. Im Innenraum eines Schiffes, mit einem schlichten Bühnenbild und umso auffälligeren Kostümen. In verschiedenen Sprachen, die auf Berichte zum Leben mit Migrationshintergrund und auf Gegenwartsstatistiken zu häuslicher Gewalt treffen. Gelingt es, Lessings Toleranzgedanken 2015 fortzuführen?

„Lessing Reloaded und die Generation Beißschiene“ ist ein Stück, das Szenen aus den Werken Emilia Galotti, Minna von Barnhelm und Miss Sara Sampson kombiniert. Figuren wie Emilia und Odoardo Galotti, die Gräfin Orsina, Minna, Tellheim, Sir William Sampson und Sara sind Gäste in einem Wirtshaus. Unabhängig davon, ob sie nur ein Getränk bestellen oder über Nacht bleiben, kommen sie mit der Wirtin in Kontakt. Einer Frau, die Alltagssprache benutzt und die nicht davor zurückschreckt, einen Ring als Pfand anzunehmen, um ihn weiterzuverkaufen.
Die einzelnen Charaktere treffen nur auf diejenigen aus dem jeweiligen Werk. Sie stehen vor Konflikten, streiten sich, gehen auseinander, treffen sich wieder. Sara Sampson, Emilia Galotti und Co. sind umgeben von Intrigen, welche oft dramatische Auswirkungen haben…

Edudrame, eine multinationale Theatergruppe der Universität Luxemburg, hat für das Stück aus allen drei Werken Schlussszenen ausgewählt. Aus Minna von Barnhelm werden auch frühere Szenen eingebracht.

Gemeinsam haben sie viel Dramatik und den Einsatz verschiedener Sprachen. Neben der Hauptaufführungssprache Deutsch spricht Odoardo luxemburgische Passagen, William Sampson trägt seinen Wutanfall auf Spanisch vor, Minna spricht fließend Französisch. Dabei lässt sich schwer ein Zusammenhang erkennen, kein gemeinsames Thema wie Kommunikationsschwierigkeiten finden, bei welchem die Sprache wechselt. Ein Teil der Zusehenden hat so den Eindruck, wesentlichen Aussagen für das Verständnis nicht folgen zu können. Ein Kind fragt seine Eltern nach einer Übersetzung.

Auch Lessings Originalsprache aus dem 18 Jahrhundert ist mit Ausnahme der Kellnerin wenig an die Gegenwart angepasst. Der Inhalt Lessings wird um Statistiken und kurze Berichte der Studierenden, etwa zu Gewalt und dem Leben mit Migrationshintergrund, ergänzt. In einer verständlichen Sprache und zu Themen, für die Toleranz auch heute nicht selbstverständlich ist, doch nicht immer zum jeweils Dargestellten passend.

Edudrame

Eine Bühne, die mit Sesseln, Tisch, Koffer und anderem Inventar schlicht gehalten ist; Kostüme, die elegante Kleider, Anzüge oder Jeans und lässige Bluse (Kellnerin) sind; für Charaktere, die Stand und Standesunterschieden eine hohe Bedeutung zuerkennen.
Es dauert, die Charaktere und ihre Beziehungen untereinander einzuordnen. Während Tellheim z.B. gut an seiner Armbinde erkennbar ist, werden andere Personen wie die Gräfin Orsina und Sir William Sampson nie namentlich genannt. Gräfin Orsina erscheint vielmehr als verrucht denn als klug und eher als tatsächlich denn als fälschlicherweise angenommen verrückt.

Es steht außer Frage, dass Originalwerke verändert und an die Gegenwart angepasst werden dürfen. Es ist allerdings verwirrend, sich einerseits sehr genau an die Vorgabe zu halten und andererseits Charaktere so zu verändern, dass sie kaum wiederzuerkennen sind und ihren Namen nicht mehr zu nennen. Eine noch größere Verwirrung erzeugt das Stück bei dem Publikum, welches über den Inhalt der Werke Lessings nicht Bescheid weiß.

„Lessing Reloaded und die Generation Beißschiene“ bekommt verdutzte Blicke zugeworfen. Von Gästen, die aber gleichzeitig darüber lachen können, wenn Minna Tellheim nachläuft und nachruft („Non, Tellheim“) oder dieser das Wasser der Saar für eine Abkühlung nutzt. Das Publikum wird auch direkt einbezogen, wenn es Gegenstände zum Halten bekommt oder bei der abschließenden Hochzeitsfeier von Minna und Tellheim mittanzt. Ein fröhliches, großes Fest, das nach der vorangehenden Dramatik abrupt über die Bühne geht.

„Lessing Reloaded und die Generation Beißschiene“ hat gute Ansätze, Lessings Toleranzgedanken auf aktuelle gesellschaftspolitische Themen auszuweiten und den vielen verschiedenen Sprachen innerhalb der Gruppe Raum zu geben. Es bleiben jedoch Ideen, die in der Umsetzung undeutlich herausgearbeitet sind. Ideen, die eine verworrene Inszenierung nicht mehr ausgleichen; welche die Frage stellen, ob das gesamte Stück entweder komplett originalgetreu oder als Ganzes in die Gegenwart übertragen aufgeführt werden hätte sollen. Vielleicht mit Charakteren, die Figuren anderer Werke begegnen und mit Szenen, die gemeinsam eine zusammenhängende Geschichte ergeben.

Edudrame war mit ihrem Stück „Lessing Reloaded und die Generation Beißschiene“ (sowie dem modernen Märchen „Through my Eyes. A Fairytale?“) am 13.6. zu Gast bei GrAFiTi in Saarbrücken.
Blog von Edudrame auf Tumblr: https://www.tumblr.com/search/edudrame

Katharina Wurzer

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4 Kommentare

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