Nachgefragt: Mensch in der Großregion Nr. 1

Prof. Dr. Yong Liang

Die grrrrr-Redakteurin Elisa Limbacher hat für die Interviewreihe Nachgefragt: Menschen in der Großregion Prof. Dr. Yong Liang aus Shanghai befragt. Seit zehn Jahren ist er Professor der Sinologie an der Universität Trier und berichtet über deutsche Klischees, was es für ihn bedeutet in Trier zu leben und zu arbeiten und worin er die Chancen dieser Region sieht.

Woher kommen Sie?
Ich komme aus China, aus der Stadt Shanghai.

Was haben Sie studiert?
Ich habe allgemeine Sprachwissenschaft, Sinologie und Germanistik studiert.

Womit beschäftigen Sie sich und was sind Ihre Forschungsbereiche?
Meine Forschungsbereiche sind die chinesische Sprachwissenschaft und interkulturelle Kommunikation. Dazu gehört nicht nur die Beschäftigung mit der Sprache, sondern auch mit der Geistesgeschichte Chinas und der Gegenwartsgesellschaft. Und ich habe mich auch in diesem Bereich sehr viel mit der deutschen und chinesischen Wirtschaft und deutschen und chinesischen Unternehmen beschäftigt. Mein dritter Schwerpunkt ist die sogenannte Fachsprachenforschung, schwerpunktmäßig die des Rechts und die Wirtschaftsfachsprache. Das sind also drei große Bereiche: Sprachwissenschaften, interkulturelle Kommunikation und Fachsprachenforschung.

Wofür interessieren Sie sich in neben Ihrem Beruf?
Ich spiele gerne Tischtennis. In den letzten Jahren ist es leider weniger geworden. Und dann ist da noch das Singen. Ich singe sehr gerne. Aber besonders gerne male ich. Sowohl Landschaftsmalerei als auch Kalligraphie. Mit vier Jahren musste ich anfangen zu üben. Aber in der Zwischenzeit ist es eine sehr schöne Sache. Man bekommt Ruhe und ich genieße es, wenn ich eine Kalligraphie schreibe. Bei der Landschaftsmalerei probiere ich zurzeit auch mit den traditionellen Stilmitteln und mit Acrylfarbe auf Leinwand ein chinesisches Landschaftsbild zu malen. Ich versuche solche Techniken zu mischen. Nach dem Stress der Arbeit ist das eine sehr gute Abwechslung.

Wann sind Sie das erste mal mit Trier in Kontakt gekommen?
Das war vor etwa zehn Jahren, als ich einen Ruf auf eine Professur für Sinologie an der Universität Trier bekommen habe, den ich auch angenommen habe. Es war vor allem die fachliche Ausrichtung der Trierer Sinologie, die mich überzeugt hat. Wir befassen uns wissenschaftlich, also schwerpunktmäßig, mit der chinesischen Gegenwartsgesellschaft. Aber wir widmen uns auch dem alten China und versuchen dann genau in dieser Kombination auch der Nachwirkung und Bedeutung der kulturellen Tradition des heutigen Chinas nachzugehen. Und das hat mich überzeugt. Zum anderen versteht sich die sinologische Forschung in Trier nicht nur als ein Forschen über, sondern eben auch und besonders mit China. Und das entspricht auch meiner Vorstellung von den zentralen Aufgaben der Sinologie: China sowohl von außen als auch durch eine Innenperspektive zu verstehen und zu erforschen und auf dieser Grundlage interkulturell zu vermitteln.

Worin unterscheidet sich Ihr Leben in Trier von dem in Ihrem Heimatland China?
Ich fühle mich inzwischen sowohl in China als auch in Deutschland wohl und ich fühle mich auch in Trier zu Hause, obwohl es nach wie vor große Unterschiede zwischen beiden Ländern gibt, die man in einem kurzen Gespräch gar nicht alle aufzählen kann. Meine Heimatstadt ist Shanghai. Ich bin dort geboren und aufgewachsen. Es ist ja eine moderne Wirtschaftsmetropole mit etwa 18 Mio. Einwohnern und die Stadt hat einen ganz anderen Rhythmus, nicht nur im Berufs-, sondern auch im Alltagsleben. Sie ist sehr vital und es gibt ein großes Angebot an kulturellen Veranstaltungen. Shanghai ist auch kulinarisch sehr interessant. Die Stadt ist sehr hektisch und es herrscht ein Lärmpensum, das hier nicht bekannt ist. Wenn ich z.B. bis tief in die Nacht am Schreibtisch sitze, kann ich jederzeit ausgehen und etwas essen und in jeder Straße findet sich eine große Zahl von Restaurants oder einfachen Garküchen, während die Trierer Innenstadt abends oder am Wochenende fast menschenleer ist. Das war in der Anfangszeit schon ein wenig gewöhnungsbedürftig. Aber ich denke, Trier ist deshalb nicht weniger schön, sondern eben anders. Man kann im Grunde Trier und Shanghai kaum miteinander vergleichen.

Inwieweit hat ihre neue Heimat Ihr Leben verändert?
Inzwischen habe ich Trier auch schon näher kennen gelernt und auch schätzen gelernt. In China kennen wir von alters her einen Spruch, auf Chinesisch heißt dieser
入乡随俗 (rù xiang suí sú = sich den örtlichen Gepflogenheiten anpassen), d.h., wenn man an einem fremden Ort lebt, sollte man auch versuchen, sich den Sitten und Gebräuchen des Gastlandes anzupassen. Ich fühle mich inzwischen wirklich als Bürger der Stadt. Was in Deutschland bzw. in Trier passiert, bewegt mich genauso, wie etwas, das in China passiert. Aber eine wichtige Veränderung ist, dass ich heute mein Heimatland China aus einem anderen Blickwinkel betrachte, sozusagen mit einer, wie wir in der Forschung sagen, einer Doppeloptik, d.h. sowohl mit einer Betrachtung von innen als auch von außen, dadurch mit einer gewissen Distanz. Wenn man eine Kultur mit einer gewissen Distanz beobachtet, können viele Zusammenhänge viel besser, viel umfassender sichtbar werden, die für die Teilhaber dieser Kultur nur schwer greifbar sind oder vielleicht nicht wahrgenommen werden. Auch in dieser Hinsicht bin ich dankbar, in Trier leben und arbeiten zu können.

Was gefällt Ihnen am Leben in Trier besonders gut?
Die schöne Landschaft, die gute Luft, die Ruhe und natürlich die vielen netten Menschen. Es ergibt sich immer aus dem Vergleich zu China. Im Chinesischen kennen wir einen Begriff,
山水 (shanshui = Landschaft), Berge und Wasser, welcher die schöne Landschaft umschreibt. Beides gibt es in Trier. Letzte Woche habe ich einige Doktoranden aus China getroffen, die zurzeit in Trier sind. Sie haben mir berichtet, wie sehr sie die schöne Umgebung in Trier bei ihrer Ankunft beeindruckt hat. Sie sagten, es sei ihnen märchenhaft vorgekommen.
Was mir außerdem gefällt, sind die zahlreichen historischen Bauwerke, die der Stadt eine gewisse Kulturalität verleihen. Was mir an dem Leben in Deutschland insgesamt gefällt, ist vor allem die Freiheit, Sicherheit und die soziale Ordnung, die aus meiner Sicht durchaus ein Vorbild für China ist. In dieser Hinsicht hat mein Heimatland noch viel nachzuholen. Sicherlich gibt es im deutschen Sozialsystem viele Probleme, aber das ist nichts im Vergleich zu China.

Was gefällt Ihnen hier nicht und was würden Sie gerne ändern?
Was mir weniger gefällt, ist, dass es hier weniger Vitalität gibt. Oder in Deutschland überhaupt – vieles läuft langsamer, gemächlicher. Aber wieder im Vergleich zu meiner Heimatstadt Shanghai. Ich kann vielleicht ein Beispiel nennen, das ich gerade vor wenigen Tagen so erfahren habe. Unser Konfuzius-Institut1 ist etwa im letzten Frühjahr, kurz vor Ostern, umgezogen. Wir wollten danach die neuen Räumlichkeiten mit Bildern, Landschaftsmalereien und Kalligraphien dekorieren. Aber wir haben gehört, dass wir die Bilder nicht selbst aufhängen dürfen, da wir keinen Nagel selbst in die Wand schlagen dürfen. Deshalb hat unser Sekretariat einen Antrag gestellt. Inzwischen ist fast ein Jahr vorbei und wir haben oft nachgefragt, aber bisher ist nichts passiert. Es ist zwar nur eine Kleinigkeit, aber es macht einen schon nachdenklich. Generell sehe ich es aber nicht als meine Aufgabe, hier etwas zu ändern.

Gibt es etwas, das für Sie „typisch Deutsch“ oder „typisch Trierisch“ ist?
In meiner Arbeit beschäftige ich mich auch mit dem typisch Deutschen und dem typischen Chinesischen. Es steht wiederum im Vergleich zur Situation in China. Typisch deutsch wäre nach meiner Beobachtung vor allem Sachorientierung, aber auch Wertschätzung von Strukturen und Regeln, Trennung von Arbeits- und Privatleben, das ist in China weniger der Fall. Außerdem zählt dazu eine Art internalisierte Kontrolle. Dazu gehört auch Zeitplanung und auch ein betonter Individualismus. Dies alles kommt mir deshalb typisch vor, da ich alles hier aus der Sicht eines Chinesen erlebe. Zu „typisch deutsch“ gehört außerdem noch etwas, was ein Sinologie-Kollege einmal als eine Art Belehrungskultur bezeichnet hat, etwa im Gegensatz zur chinesischen Lernkultur. Wie soll man es umschreiben? Man zeigt anderen gerne, wie etwas besser gemacht werden kann, auch im internationalen Austausch.

Verbringen Sie mehr Zeit mit Deutschen oder mit Menschen aus Ihrer Heimat?
Ich verbringe eindeutig mehr Zeit mit Deutschen. Mit Studierenden, mit meinen Kollegen, aber auch mit Freunden. Unter meinen Freunden sind mehr Deutsche als Chinesen. Auch bei außerberuflichen Aktivitäten treffe ich viele Deutsche, z.B. bei der Deutsch-Chinesischen Gesellschaft mit vielen netten Menschen aus verschiedenen Berufen. Es sind fast nur Deutsche. Ich habe jetzt durch das Konfuzius-Institut der Universität Trier ein wenig mehr mit Chinesen zu tun, somit ein bisschen mehr als früher.

Womit beschäftigen Sie sich gerade?
Die Vorlesungszeit der Universität ist gerade zu Ende gegangen. Da ich diesmal ausnahmsweise nicht nach China reise, nutze ich die vorlesungsfreie Zeit, um ein paar Aufsätze fertig zu schreiben. Und ich arbeite zurzeit auch an zwei Buchprojekten. Dabei handelt es sich um Arbeiten zum Thema interkulturelle Kommunikation. Außerdem bin ich seit längerer Zeit dabei, ein Buch auf Chinesisch zu schreiben, über Deutschland.

Ein gängiges Klischee über Chinesen in Deutschland besagt, dass sie die deutsche Küche nicht mögen. Geht es Ihnen auch so?
Den meisten Chinesen, die hier zu Besuch sind oder sich für eine längere Zeit in Deutschland aufhalten, fällt es schwer, sich an die deutsche Küche zu gewöhnen. Es herrscht hier nämlich eine ganz andere Esskultur als in China, abgesehen von der Vielfalt der Möglichkeiten. Ich habe mich inzwischen an das hiesige Essen gewöhnt, auch wenn es mir vor allem in der Uni-Mensa nicht so sehr schmeckt. Andererseits gibt es in Deutschland eine große Vielfalt an Brot, Kuchen, Kaffee etc., was ich auf meinen Reisen in China wiederum vermisse.

Was aus China vermissen Sie besonders?
Neben der Küche vermisse ich vor allem die Vielfalt und Vitalität des Großstadtlebens. Außerdem fehlt mir etwas, das man in China
人情 (rén qíng = menschliche Nähe, Gefälligkeiten) als zwischenmenschliche Wärme bezeichnet – eine Art Umgangskultur, mit der ich aufgewachsen bin. Ich kann nicht sagen, dass es hier keine menschliche Wärme gibt, aber es ist offensichtlich eine andere zwischenmenschliche Umgangskultur. Zum Beispiel wohne ich schon seit sieben oder acht Jahren in Trier in einem schönen Viertel, aber selbst mit meinen direkten Nachbarn habe ich mit Sicherheit nicht mehr als zehn Sätze ausgetauscht. Vielleicht liegt es ja auch an mir. Noch ein weiteres Beispiel, um das zu beschreiben, was ich meine: ich erinnere mich noch an den Tag, an dem ich meine Einbürgerungsurkunde abholen sollte. Damals habe ich noch in einer anderen Stadt in Deutschland gelebt. Der einzige Satz, den mir der Verwaltungsbeamte mit ausdruckslosem Gesicht gesagt hat war, „aus der Tür, dann rechts, fünfzig Meter weiter ist die Kasse, wenn Sie fünfzig Mark eingezahlt haben, können Sie die Urkunde bei mir abholen“. Das war für mich typisch, denn Einbürgerung ist für einen Menschen schon etwas Wichtiges im Leben.

Gibt es etwas aus China, das Sie gerne in Deutschland einführen würden oder von dem wir hier etwas lernen können?
Ich kann und will hier keine konkreten Vorschläge machen, aber ich finde die Frage, die Sie formuliert haben interessant und wichtig. Ich bin davon überzeugt, dass gerade China und Deutschland, Deutschland und China, dass gerade diese beiden Länder sehr viel voneinander lernen können. China hat in den letzten hundert oder hundertfünfzig Jahren, vor allem auch in den letzten dreißig, vierzig Jahren viel vom westlichen Ausland gelernt. Aber ob und was man von China lernen kann, diese Frage wird hierzulande aus meiner Sicht zu selten gestellt. Und deswegen finde ich es wichtig sich auch in dieser Richtung Gedanken zu machen. Ich sehe deswegen meine Aufgabe auch hier im Fach Sinologie und auch am Konfuzius-Institut der Universität vor allem auch darin, Möglichkeiten für ein Miteinander der Menschen aus China und Deutschland zu schaffen und zu fördern. Wenn ich nur einen bescheidenen Beitrag dazu leisten kann, dann bin ich sehr glücklich.

Wann ist Ihnen der Begriff „Großregion“ das erste Mal begegnet?
Vor ein paar Jahren, ich weiß nicht mehr genau wann, haben wir damals im Rahmen einer Projektarbeit überlegt, bei einer Industrieausstellung in Xiamen nicht nur Trier daran teilnehmen zu lassen, sondern dass alle Städte der Großregion zusammen dort auftreten. Damals habe ich zum ersten Mal von der Großregion gehört. Aber jetzt, seit etwa zwei Jahren, bietet das Konfuzius-Institut Sprachkurse und andere Veranstaltungen an der Universität in Luxemburg an. Und dann auch im Rahmen der Universität der Großregion. Diese Zusammenarbeit wird demnächst auch erweitert.

Welche der fünf Regionen kennen Sie am besten?
Natürlich Trier. Luxemburg ein wenig. Und auch Saarbrücken, weil die Uni Saarbrücken das Fach Sinologie nicht hat und deshalb Studenten nach Trier kommen. Für unseren Bereich finde ich die Zusammenarbeit sehr sinnvoll, damit die Studenten mehr Möglichkeiten haben, ein größeres Angebot bekommen zu können. Da wir hier im Vergleich zu China in kleineren Städten leben, ist die “Universität der Großregion” eine sehr gute Idee, um den Austausch zu fördern und ein breiteres Angebot zu ermöglichen.

Welche Aspekte einer grenzüberschreitenden Kooperation finden Sie als Experte für interkulturelle Kommunikation besonders wichtig?
Ich denke, jede Region oder jede Stadt sollte ihre kulturellen Eigenheiten, ihre kulturelle Identität bewahren und auch pflegen. Das ist wichtig. Wenn wir alle gleich werden sollten, dann wäre es doch langweilig. Auf der anderen Seite sollten wir offen und aufgeschlossen sein und das Andere nicht gleich als fremd auffassen. Sondern dies als eine Chance für eine Horizonterweiterung sehen. Dann können wir einen Synergieeffekt erreichen. Kooperationen in allen Bereichen sind zielführend für ein Verständnis des Gegenübers.

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