25 Jahre Höchststrafe

Wenn der Zirkus zum Knast wird – oder umgekehrt?!

Mit seiner neuen Show „Höchststrafe“ feiert der Zirkus FlicFlac in diesem Jahr sein 25. Jubiläum. Am 14. Oktober 2015 hob sich auf den Saarbrücker Saarterrassen der erste Vorhang für das neue atemberaubende Spektakel. Unsere Redakteurin Katharina Klasen war bei der Premiere vor Ort.

Saarbrücken. Wie feiert ein Zirkus seinen 25. Geburtstag? Mit lustigen Clowns, vielen bunten Luftballons, süß-tapsigen Tieren und bei ausgelassener Stimmung? Weit gefehlt. Zumindest wenn es um den Zirkus FlicFlac geht, der am 5. Oktober 2014 das ehrwürdige Vierteljahrhundert erreichte und diesen Anlass noch bis heute (also gut ein Jahr später) zelebriert. „Höchststrafe“ heißt das neue Programm, mit dem das Ensemble um Zirkusdirektor (oder sollte ich besser Anstaltsdirektor sagen?!) Benno Kastein vom 14. bis 31. Oktober auf den Saarbrücker Saarterrassen gastiert und das Publikum in seinen Bann zieht. Bereits beim Betreten des bekannten gelb-schwarzen Zeltes fällt auf: Etwas ist anders. Denn die Platzanweiser sehen wie Gefängniswärter aus, in strenge dunkelblaue Uniformen gekleidet. Als kurz darauf im Zuschauerraum das Licht erlischt und eine tiefe Männerstimme die Anwesenden in der „Strafvollzugsanstalt“ willkommen heißt, ist klar: Dies wird ein besonderer Abend.

Das Bühnenbild ist ein Zellenblock, in dessen oberster Etage die Live-Band („Alter-Crass-Band“) ihre Strafe absitzt. In der Manege, die angesichts der Szenerie wie ein Gefängnisinnenhof wirkt, vertreiben sich die in tristes Grau gekleideten Insassen die Zeit beim Freigang mit Seilspringen, Jonglage und Gewichtstemmen. All dies lässt keinen Zweifel daran, wo wir uns befinden: Der Zirkus ist zum Knast geworden – kalt, hart, unbarmherzig.

In der ersten Nummer offenbart sich sogleich der brutale Knastalltag: Zwei Insassen gehen aufeinander los, stupsen und schlagen sich, beflügelt von den Anfeuerungsrufen ihrer Schicksalsgenossen. Dann leert sich die Manege, und Dima & Dima bleiben alleine zurück. Sie präsentieren dem Publikum eine spektakuläre Hand-auf-Hand-Akrobatik. Scheinbar schwerelos balanciert der eine den anderen in der Luft, überwältigende Saltos und Spagate inklusive. Den grandiosen Höhepunkt bildet zweifelsohne Dima Tarasenkos einhändiger Handstand auf Dima Makrushins Glatze! Ein Zeichen unglaublicher Körperbeherrschung und Präzision!

Weiter geht die Show mit namengebenden Flickflacks, ausgeführt von sieben topfitten Artisten auf einem Air Track, einem 20 Meter langen, luftgefüllten Kissen. Im Anschluss zeigt Nicolai Kuntz sein Talent eindrucksvoll in schwindelerregenden Höhen am Schwungtrapez. Charismatisch zieht er das Publikum in seinen Bann. Im Licht der grünen Laserstrahlen, die wie Gitterstäbe anmuten, schwingt er sich in die Freiheit, um den engen Gefängnismauern zu entfliehen. Weniger Glück haben eine junge Jongleurin, die sich in Zwangsjacke und Käfig von ihren eigenen Bällen konfrontiert sieht, und ein Akrobat mit einem riesenhaften Reifen, von dem er immer wieder um die eigene Achse gewirbelt wird. Nach Freiheit sehnt sich auch die bezaubernde Julia Galenchyk bei anmutiger Akrobatik in ihrem Luftnetz. Unfassbar elegant und schwerelos bewegt sie sich in schwindelerregenden Höhen unterhalb der Zeltkuppel – ungesichert, was den Zuschauern zusätzlich den Atem raubt. Und dies insbesondere, als sie kopfüber, nur mit einem Fuß im Netz (!), graziös von der Decke hängt.

Für einen Höhepunkt der anderen Art sorgt dann der „magische“ Jongleur Steve Eleky, der Frack und Schottenrock noch nicht gegen die triste Gefängniskluft eingetauscht hat. Er nimmt sich selbst auf die Schippe („Nur Spaß! It’s magic!“) und gönnt den Lachmuskeln des Publikums keine Pause. Seine Comedy besticht vor allem dadurch, dass er die üblichen Kunststücke im Repertoire eines Zauberers ad absurdum führt, indem er die banal erscheinenden Tricks dahinter verrät.

Von der Russian Swing, einer teuflisch schwingenden und sich selbst überschlagenden Schaukel, wagen drei Häftlinge aufsehenerregende Absprünge und Saltos in die Freiheit. Doch die Sicherheitsvorkehrungen in der Strafvollzugsanstalt sind hoch: Immer wieder gehen die drei ins (Sicherungs-)Netz. Ganz ohne Sicherung sind hingegen die atemberaubenden Rollschuh-Stunts von Dandino und Luciana. Man wagt kaum zu atmen, als Dandino seine Partnerin, die nur an einer Schlinge um seinen Hals hängt, in einem rasanten Tempo um die eigene Achse schleudert. Wahnsinn! Wie ist das möglich? Diese Frage stellt sich dem Publikum immer wieder. Denn es folgen weitere waghalsige und imposante Stunts.

Zu erwähnen wäre etwa Laura Miller, die elfengleich an einem Reifen durch die Luft tanzt, in ein gläsernes Wasserbecken eintaucht und als tropfensprühende, verspielte Wassernixe wieder gen Zeltkuppel aufsteigt – um sich dann abermals ins Wasser zu stürzen, auf dessen Oberfläche sich inzwischen Flammen gebildet haben. Ebenso erotisch: Larissa Kastein an der Stange, die ihre Biegsamkeit zur Musik von „Je suis malade“ verführerisch unter Beweis stellt. Von betörender Erotik zu prickelnder Romantik: Um zwei junge Menschen, die beide am Luftnetz brillieren, entspannt sich eine fesselnde Liebesgeschichte – auf die ein Schockmoment folgt, als die junge Frau, die sich selbst sowie ihren Geliebten kopfüber und mit nur mit einem Fuß im Netz festhält, einen Absturz antäuscht. Die Spannung im Zelt ist geradezu physisch greifbar.

Actiongeladen präsentieren sich auch acht Biker, die sich mit ihren Motocross-Maschinen gleichzeitig in die „Globe of Speed“ wagen, eine riesige Stahlkugel mit 6,50 Meter Durchmesser. Es grenzt an ein Wunder, dass auf solch beengtem Raum und bei solch hohen Geschwindigkeiten kein Unglück geschieht. Die Nummer ist phänomenal. Doch die harten Jungs haben noch ein weiteres Ass im Ärmel: Kaum aus der Stahlkugel und somit auch aus der Manege verschwunden, tauchen sie plötzlich auf den Zuschauerrängen auf und überspringen bzw. überfliegen die Kugel mit ihren Maschinen – garniert mit sensationellen Stunts, Saltos und Whips. Das ist Adrenalin pur! Die neue Tournee des Zirkus FlicFlac ist an Superlativen kaum zu übertreffen. Und so bleibt letztlich die Feststellung: Der Knast ist zum Zirkus geworden, der seinen eigenen (Schwer-)Kräften gehorcht.

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