Alltag und Ekstase

Ein Rausch der Identitäten

Wenn jede/r mit jede/r/m über alles sprechen muss; wenn wir nicht nur individuell sein dürfen, sondern es auch sollen – Sind wir dann von Zwängen umgeben, die unsere persönliche Freiheit einschränken? Oder kann man Zwang auch als Halt interpretieren? Und woran hält man sich überhaupt fest, an einer Familie, an einem Identitätskonzept? „Alltag und Ekstase“ bietet einen überspitzten Blick auf eine Gesellschaft, sowohl gegenwärtig in Europa als auch auf die Fantasie eines Gegenentwurfs.

Stau auf dem Mount Everest; eisige Kälte, die es erschwert, zwischendurch eine Banane zu essen; Bergsteiger/innen, deren Gesicht man durch die Schikleidung kaum mehr erkennt. Lichteffekte, Musik, Szenenwechsel. Tanzende Schauspielende in Baskenröcken, mit exotischen Masken vor dem Gesicht. Das Thema Identität bildet einen roten Faden durch das gesamte Stück: So versucht man, ihr durch Geschlecht und Sexualität, Arbeit, Lebensformen, oder Kunst und Kultur einschließlich Religionen und Traditionen näher zu kommen.

Kein leichtes Unterfangen für Janne (Jannek Petri) und seine Familie. Janne; geschlechtsneutral benannt, um durch dieses nicht eingeschränkt zu sein; hat bereits Studiengänge abgebrochen und ein Café betrieben. Seit zwei Jahren arbeitet er nun an einem Konzept für die eigene Firma. Eines der Motive, um von seinen Eltern und seiner Exfreundin als „nicht erwachsen“ bezeichnet zu werden. Diese sind zwar auch nicht unbedingt reifer, aber auf weniger klassische Vorstellungen: Katja (Franziska Machens) ist mit der Erziehung der gemeinsamen Tochter River (Nermina Jovanovic/Zoe Seelig), benannt nach einem Musiker, und der Arbeit rundherum überfordert. Das Leben müsse doch mehr beinhalten, vielleicht einen neuen Traumprinzen. Jannes Mutter Sigrun (Judith Hofmann) hat hingegen genug von hegemonialer Männlichkeit. Sie kauft sich von ihren Familienpflichten los und baut sich eigens ein solarzellenbetriebenes Haus. Jannes Vater Günther (Harald Baumgartner), Ethnologe, interessiert sich für exotische Rituale und lädt seinen Liebhaber Takeshi (Thomas Schuhmacher) nach Deutschland ein. Für dessen Besuch geht man schon mal vordergründig Beziehungs- anstelle von Lohnarbeit nach und ändert Selbstbilder gleich mit…

Lederhosen, Schürzen mit Dirndl- Aufdruck, Faschingsmützen (Kostüme: Sabine Thoss), Krüge mit Bier, „Das rote Pferd“- Lied im Hintergrund. Takeshi möchte die deutsche Kultur kennen lernen; Janne ist skeptisch, ob eine Bevölkerungsgruppe automatisch Gemeinsamkeiten teilt. Günther ist dafür, sich das Beste aus jeder Kultur anzueignen und Sigrun spricht mehr von Lebensformen, die sie alle akzeptieren würde. Tolerant und aufgeschlossen ist man sowieso. Mit der Ex-Freundin des Sohnes noch befreundet, die Homo- oder Bisexualität des Mannes akzeptierend, National-und Geschlechterklischees ablehnend. Für die Meinung, die nach außen vertritt wird, macht es keinen Unterschied, dass Katja selbst Klischees bedient, wenn sie darauf aufmerksam macht, dass ein Mann diesen Punkt nicht verstehen könne.

Hauptsache, es wird über alles gesprochen. Katja erzählt Günther und Sigrun von ihren Sexualproblemen mit Janne; Günther berichtet von seinem Lebenstraum, bevor dieser konkrete Formen annehmen kann; Takeshi gesteht, Familie und Spaß nicht unter einen Hut zu bekommen. Die einzigen, die sich dadurch unter Druck gesetzt fühlen, sind Janne und River. River geht auf ihre eigene Art mit der Selbstverwirklichung der Erwachsenen um. Sie schweigt, zieht sich zurück, ist aber doch immer präsent. Entweder lässt River Gegenstände liegen oder die Erwachsenen unterhalten sich über sie.

Die Sprache der Erwachsenen hat für jedes Thema Ausdrücke, mal aus der Soziologie (Heteronormativität,…), mal aus der Psychoanalyse, mal direkt, mal symbolhaft. Aussagen à la „Mein Leben ist ein Scheißprojekt“ treffen auf „Muss denn alles, alles, alles geteilt, aufgefangen, analysiert und besprochen werden?“. Wer unterhält sich so im Alltag? Vermutlich machen das die wenigsten, aber durch Ironie und Überspitzungen ist „Alltag und Ekstase“ auch kein Stück, das den Anspruch erhebt, den Alltag detailgetreu wiederzugeben.

Daniela Löffner inszeniert Kricheldorfs Sittenbild mit komödiantischen Elementen; mit Figuren, die ins Extreme gehen und trotzdem keine Karikaturen sind. Die Vielfalt an Themen ist durch gemeinsame Anlehnungen, etwa zum Konzept der Identität, miteinander verbunden. Bewegungen wie Tänze und dargestelltes Frieren, Musik und Gesprochenes wechseln sich ab. Walzer, Schlagermusik und japanische Klänge bringen das Publikum zu unterschiedlichen Situationskontexten und zeigen nebenbei, dass auch sie kulturelle Klischees sind. Details wie Lampions, überdimensionale Stofftiere, pinke Handys. Eine Bühne, die nicht nur Wohnhaus, sondern genauso Bar oder Flughafen ist (Claudia Kalinski). Rausch- Erlebnisse, vor allem die gesunden, sind nicht auf einzelne, altbekannte Mittel beschränkt und an vielen Orten möglich.

Zurück zum Mount Everest, zu Gitta (Judith Hofmann), Jonas (Thomas Schuhmacher) und anderen Bergsteigenden, zu einem tragischen Ereignis. Der Saal ist dunkler, die Stimmen sind gedämpfter, eine Kette wird weitergegeben. Dabei sei es doch belanglos, ob die Geschichte hinter ihr erfunden sei. Die Geschichte sei ja rührend. Nicht nur während dieser Szene ist viel Gelächter der Zuschauer/innen zu hören. Dennoch ist der hohe Ironie-Gehalt nicht jedermanns Sache. Auch einzelne Ausdrücke wie „hegemoniale Männlichkeit“, „Heteronormativität“ und das „König-Drosselbart-Syndrom“ muss man für das Gesamtverständnis zwar nicht unbedingt kennen, doch versteht man die Witze dazu mit dem Bedeutungshintergrund eher.

Genau diese Verwendung der Sprache wiederum und die Herangehensweise und Zusammenführung an die breite Palette an Themen machen „Alltag und Ekstase“ erfrischend anders. In Medien und im Alltagsgebrauch überwiegend positiv verwendete Begriffe wie „Freiheit“ und „Individualität“ haben hier als Schattenseite nicht „nur“ das Aufgeben von Sicherheit. Sie führen erst recht wieder zu dem, von dem sie wegkommen wollen (Zwang, sanfte Diktatur des Über-alles-Sprechen-Müssens – ein Ausdruck von Kricheldorf selbst-, Massenindividualität,…).

„Alltag und Ekstase“, 2014 uraufgeführt, ist eine Inszenierung des Deutschen Theaters Berlin. Nachdem das Stück am 12. und 13. März 2015 in Luxemburg aufgeführt wurde, wird es am 25. März wieder in Berlin und am 27. und 28. Mai während der Mülheimer Theatertage gespielt.        

Link zur Stückinformation: http://www.deutschestheater.de/spielplan/alltag_und_ekstase/

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41 Kommentare

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