Willkommen in der Freakshow

Oder: Das Scheitern am Leben

In diesem Jahr ging der PRIMEURS-Publikumspreis erstmals an zwei Autoren. Über je 2.000 Euro durften sich Valère Novarina für sein Stück „Homo Automaticus. Der Monolog des Adramelech“ und David Paquet für „Open House“ freuen. Unsere Reporterin Katharina Klasen war bei der Premiere der Werkstattinszenierung von „Open House“ dabei. Saarbrücken. Man nehme drei skurrile Figuren, den Mikrokosmos einer WG und die Angst vor dem Leben außerhalb der eigenen vier Wände: und fertig ist die Tragikomödie „Open House“ (im französischen Original „Appels Entrants Illimités“) des kanadischen Bühnenautors David Paquet, dessen Werkstattinszenierung am 22. November 2014 in Saarbrücken im Rahmen von PRIMEURS, dem Festival frankophoner Gegenwartsdramatik, seine Premiere feierte. Regie führte Christopher Haninger, für die deutsche Übersetzung war Frank Weigand verantwortlich.

„Open House“ ist ein Dreipersonenstück mit bizarren, aber liebenswerten Charakteren. Alle drei scheitern an sich selbst und ihrer Unfähigkeit sowie ihrem Unwillen, Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen. Da wäre etwa Louis (fantastisch gespielt von Cino Djavid), der in Panik verfällt, sobald er die Zeitung aufschlägt, weil ihn die täglichen Nachrichten aus aller Welt (Mord, Korruption, Krise – um ein paar zu nennen) aufregen und unendlich traurig stimmen. „Ich kann nicht gleichgültig sein. Alles geht mir nah.“ Da wären aber auch seine Mitbewohnerinnen Anna (süß und verpeilt: Sophie Köster) und Charlotte (herrlich böse: Yevgenia Korolov). Während erstere sich zu Stückbeginn in eine kleine Schachtel zu quetschen versucht und im weiteren Verlauf in Tierkostümen die Bühne betritt, träumt die andere von einem gelingenden Date. Charlottes schroffe und diktatorische Art lässt den Zuschauer jedoch zu Recht daran zweifeln, dass sie die Liebe ihres Lebens finden wird. Und tatsächlich, das Rendezvous wird von Seiten des Angebeteten abgesagt. Charlottes schlechte Laune sinkt auf den Tiefpunkt.

Die Folge: Sie terrorisiert ihre Mitbewohner, um nicht selbst leiden zu müssen. Aber dennoch leidet sie. Die abgesagten Dates verletzen sie zutiefst. Und was für sie ebenso unerträglich ist: Durch ihre Mitbewohner sieht sich Charlotte jeden Tag „Verschwörungstheorien“ (Louis: „Wir leben in einer Welt, in der sogar Tofu korrumpiert ist.“) und „Halloween“ (Anna in ihrer Maskerade) ausgesetzt. Louis‘ einziger Kontakt zur Außenwelt sind die Zeitungen, die sich in der WG stapeln und an deren Inhalt er zu verzweifeln droht. Er ist nicht in der Lage, die Fülle an Informationen, die täglich auf ihn einprasselt, richtig zu verarbeiten. Alles, was er liest, berührt ihn. Wie gerne würde er die Welt verändern, besser machen. In ihr leben möchte er allerdings nicht, dafür ist sie ihm zu schnell und zu laut. Auch das Klingeln des Telefons macht ihn nervös. Er hat geradezu eine Phobie vor dem Kommunikationsmittel, stellt es doch schließlich eine unerwünschte Verbindung zur Außenwelt dar. Letztlich stellt er sich jedoch tatsächlich der Realität und tritt einen Job an – als Clown. (Louis: „Wenn mir das Leben geschenkt wurde, warum muss ich dann arbeiten, um es mir leisten zu können?“) Anna hingegen taucht immer wieder in den irrwitzigsten Kostümen (ob Grizzlybär oder Hummer) auf – ganz so, als ertrage sie es nicht, sie selbst zu sein. Ihr Gang, ihr Blick, die Tonalität ihrer Stimme – stets scheint es, als lebe Anna in einer Traumwelt, als schwebe sie in eigenen Sphären, der Wirklichkeit entrückt. Ihre scheiternden Versuche, ihren Körper in eine Kiste zu quetschen, können als Metapher für das Verstecken vor der Welt und vor dem eigenen Leben interpretiert werden.

Bei allem, was sie tut, wird Anna aber von einem großen Wunsch angetrieben: „Ich möchte, dass mir jemand applaudiert.“ Und schnell stellt sich heraus, dass dieser „jemand“ Louis ist. Eine der schönsten und süßesten Szenen des Stücks ist die gegenseitige Liebeserklärung dieser beiden liebenswerten, schrägen Charaktere. Lange können sie das zarte Pflänzchen ihrer Liebe nicht vor der herrschsüchtigen Charlotte verbergen. Mit einem von Herzen kommenden „Ich liebe DICHS“ gelingt es der sympathischen Anna die Situation zu retten. Denn das „DICHS“ schließt nicht nur Louis, sondern auch Charlotte mit ein.

„Open House“ besticht durch seine fabelhaft schrägen Charaktere, die Dynamik der Handlung, den gezielten Einsatz von Musik und die pointierten Dialoge. Zu Recht wurde David Paquets Tragikomödie mit dem PRIMEURS-Publikumspreis prämiert. Denn obwohl die Lachmuskeln fast durchweg zum Einsatz kommen, wird man als Zuschauer nachdenklich und stellt sich die Frage: „Was heißt es eigentlich, normal zu sein?“

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7 Kommentare

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